ExTempore

Worin liegt die Freiheit der Freien Improvisation?
Was gibt sie dem Musiker, der das arbeitsteilige Verhältnis von Komposition und Interpretation verläßt?

Zunächst wohl die Freiheit, die Stimmen seines Instruments freizusetzen, die er hört und ahnt und sie nicht der Artikulation vorgeprägter musikalischer Ideen zu widmen, sondern aus ihren Kräften und innewohnenden Impulsen die eigene musikalische Sprache und die Gesten der eigenen Musik wachsen zu lassen. Zudem die Freiheit, im Spiel dem eigenen inneren Gesang zu folgen und nicht den Erwartungen eines bereits entworfenen musikalischen Vorgehens. Und die Freiheit, ein sinnvolles musikalisches Gefüge entstehen zu lassen aus der unmittelbaren Kommunikation mit anderen Stimmen im Ensemble. Ein Gefüge, das kein tradiertes oder anderweitig vorgegebenes Reservoir aus musikalischen Materialien, Strukturen und Werten referiert, sondern aus dem HÖREN, als der zentralen Instanz musikalischen Tuns erarbeitet wird. Dem Hören, dass im Spiel immer schon Analyse ist, indem es erinnert und erwartet, antizipiert, kalkuliert, entwirft und das musikalische Handeln initiiert. Das Hören, dem eine ebenso wichtige Bedeutung zukommt im Moment der Selbstverantwortung, die wie bei jeder Freiheit, welche wir uns nehmen, auch die Freiheit des Improvisationsmusikers in Balance hält. Eine freiwillige Selbstkontrolle, die den Gefahren des frei improvisierenden Spiels begegnet: wie dem des Automatismus einer sich selbst abspulenden technischen Versiertheit auf dem Instrument, gelegentlich das Publikum bedienend, doch im Kontext musikalischer Auseinandersetzung mit anderen damit nur Rektionsmuster anbietend oder auch der Nonchalance eines beliebigen nebeneinander her Musizierens kritisch begegnet, das nicht gemeinsam gestaltet, sondern den Verknüpfungen der Wahrnehmung die Dramaturgie des musikalischen Geschehens überläßt.

Die komplexe und z.T. nur schmerzhaft zu klärende Frage nach den spezifischen Qualitäten dieser musikalischen Arbeitsweise des Improvisierens ist Teil dieser freiwilligen Selbstkontrolle: Was macht sie aus? Wo sind sie verwirklicht und wo verfehlt? Wie können sie immer wieder neu entstehen? Denn Freie Improvisation gewährt die Freiheit zum eigenen Werk des Spielers, in seiner individuellen Instrumentalsprache und dem eigenen “Drama“ in seinem eigenen musikalischen Vorstellungsraum, aber sie versteht sich als Freiheit von jeglichem Kanon. Damit verbindet sich das große Wagnis des frei improvisierenden Musikers, das in der Transparenz seiner musikalischen Substanz und seines musikalischen Handelns liegt. Musikalischer Sinn und Sinnfälligkeit müssen dabei hier und jetzt geschaffen werden und sich bewähren, können nicht zusätzlich zu ihrem Verständnis und ihrer Berechtigung auf ein dahinter liegendes Konstrukt verweisen. Wie jede Freiheit, die sich andere nehmen, erregt auch die des frei improvisierenden Musikers nicht selten Misstrauen: “… die haben sich doch vorher abgesprochen…“ . Auch hierzu soll auf gründliches Hören verwiesen sein, vermag es doch auf relativ direktem Wege zu erhellen, was Musik, jede Musik überhaupt erst zum Erleben macht. Der Mangel an Mut oder die fehlende Bereitschaft zum offenen Ohr sind wohl mit Gründe dafür, das Improvisationsmusiker weitgehend und unfreiwillig ihr berufliches Dasein in Freiheit vom etablierten institutionellen, akademisch geprägten Musikbetrieb meistern dürfen. Wie jede Freiheit ist auch die Freiheit der Freien Improvisation eine, die wählt, für und gegen etwas entscheidet, keine absolute Freiheit sein kann und aus ihrem selbstgestellten Anspruch heraus immer wieder neu erobert sein will.

– Elke Schipper